Einführung

Forscher*innen und Expert*innen aus der ganzen Welt mahnen schon seit vielen Jahrzehnten vor den Folgen des Kapitalismus auf das ökologische System. Doch die Klimazukunft scheint vielen offenbar zu weit weg, um in der Gegenwart nachhaltig zu handeln. Heute sind es junge Menschen, die auf die Straße gehen, um zum Umdenken zu bewegen. Ein notwendiger Schritt!


 Grenzen des Wachstums

„Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“ So düster prognostizierte im Jahr 1972 der Bericht des Club of Rome, ein informeller Zusammenschluss von rund 70 Expert*innen, die Zukunft der Welt. Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, Unterernährung, Ausbeutung von Rohstoff-Reserven und Zerstörung von Lebensraum standen im Zentrum der Computersimulations-Szenarien von Donella und Dennis Meadows und ihrem Team am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Der Titel des Berichts war zugleich eine Mahnung und Warnung: „Die Grenzen des Wachstums“.

„Unsere gegenwärtige Situation ist so verwickelt und so sehr Ergebnis vielfältiger menschlicher Bestrebungen, daß keine Kombination rein technischer, wirtschaftlicher oder gesetzlicher Maßnahmen eine wesentliche Besserung bewirken kann. Ganz neue Vorgehensweisen sind erforderlich, um die Menschheit auf Ziele auszurichten, die anstelle weiteren Wachstums auf Gleichgewichtszustände führen. Sie erfordern ein außergewöhnliches Maß von Verständnis, Vorstellungskraft und politischem und moralischem Mut. Wir glauben aber, daß diese Anstrengungen geleistet werden können, und hoffen, daß diese Veröffentlichung dazu beiträgt, die hierfür notwendigen Kräfte zu mobilisieren.“

Die bereits fünfzig Jahre alten Prognosen des Club of Rome sind noch heute von umweltpolitischer Bedeutung!


Inhalt: Plakat: Der erste „grüne“ Rote, in: Schlaglichter (1979) H. 3/4.

Urheber*in: Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken, Landesverband Nordrhein-Westfalen

Nutzung: ©

Quelle: AAJB, Plakatsammlung, PL-B 7

Der erste grüne Rote?

Schon Karl Marx (1818–1883), der mehr für seine Kapitalismuskritik als sein Engagement für Klimafragen bekannt ist, betonte in „Das Kapital“:

„Selbst eine ganze Gesellschaft, […] ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen, sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind ihre Besitzer, ihre Nutznießer, und haben sie als boni patres familias […] den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.“

Die Vorwürfe, dass Marx die Ausbeutung der Natur nicht ausreichend beachtet habe und einem naiven Fortschrittsoptimismus der Naturbeherrschung aufgesessen sei – Stichwort: „Unterjochung der Naturkräfte“ –, wurden u. a. in einer Auseinandersetzung mit Aufzeichnungen Marx‘ durch den Ökonomen und Marxkenner Kohei Saito relativiert. Marx habe „gerade aufgrund seiner expliziten Erkenntnis der natürlichen Grenzen den vorsichtigen, nachhaltigen Umgang mit der Natur“ propagiert, weshalb seine politische Ökonomie in der gegenwärtigen ökologischen Krise eine wichtige theoretische Grundlage biete.

Auch die Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken nahm 2019 in einem Seminar (unter Leitung von Christoph Hövel) im Salvador-Allende-Haus in Oer-Erkenschwick das Marx’sche „Kapital“ genauer unter die Lupe. Das Ziel: Den grundlegenden Widerspruch zwischen dem weitverbreiteten Bewusstsein über den Klimawandel und seinen Folgen auf der einen Seite und der weitestgehenden Untätigkeit der Gesamtgesellschaft auszuloten. Solche theoretischen Diskurse helfen dabei, den gesellschaftlichen Umgang mit der Umwelt zu klären und praktische Maßnahmen zu grundieren.


Inhalt: Seminarflyer: „Marx for Future? Das Kapital und die ökologische Frage“ im Sozialistischen Bildungszentrum/Salvador-Allende-Haus in Oer-Erkenschwick (2019).

Urheber*in: Tim Reckmann

Nutzung: © Sozialistisches Bildungszentrum / Salvador-Allende-Haus

Quelle: AAJB, Postkartensammlung, PK 1160

Politische Vereinnahmungen

„Das Klima geht uns alle an!“ – Ein Leitsatz, den kaum jemand ablehnen kann. Aber: Es ist ein Leichtes, das gute Ziel des Klimaschutzes ideologisch zu vereinnahmen und für politische Zwecke zu (miss)brauchen. Dies hat sogar Tradition: Schon die völkischen Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts hatten die Natur als politisch-idealisierten Ort entdeckt. Gerade in den vergangenen Jahren wurden neurechte Siedlungsbewegungen sichtbarer denn je. Dieser ‚Ökofaschismus‘ wird nicht nur von Wissenschaftler*innen oder Journalist*innen thematisiert und kritisiert, sondern auch von Arbeiter*innenjugendverbänden. Die Naturfreunde und die Naturfreundejugend etwa haben die Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN) ins Leben gerufen, die sich mit Themen wie: „Die extreme Rechte zwischen Klimawandelleugnung und Klimanationalismus“ oder „Prima Klima? Natur- und Umweltschutz in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung“ auseinandersetzt. 

Auch oder gerade (!) bei solch globalen, gesellschaftsübergreifenden – und derzeit so populären – Themen muss eben immer auch kritisch hinterfragt werden, wer mit welchem Ziel darüber spricht!


Jugendprotest for Future

Protestbewegungen sind ein Raum der Selbstorganisation, in dem eine hohe Selbstwirksamkeit innerhalb gesellschaftlicher Prozesse erfahren wird. Gerade für junge Menschen ist diese Erfahrung nicht zu unterschätzen: Im Kollektiv formen sie sich zu einem politischen Subjekt, das gehört wird, dem es gelingt, gestalterisch in die Gesellschaft hineinzuwirken. Fridays for Future eröffnet vielen jungen Menschen diesen Erfahrungsraum mithilfe eines der wohl dringlichsten Themen derzeit: dem Klimawandel und was man dagegen tun muss. Der Protest selbst entäußert sich auf unterschiedlichste Weise: oft friedlich, bisweilen radikal, meistens sehr kreativ, manchmal lokal, häufig global vernetzt. Dass dieser Protest langfristigen, nachhaltigen Erfolg hat, bleibt nur zu hoffen und zu unterstützen!