Naturerfahrung

Einführung

Aus grauer Städte Mauern und hinein in die Natur: Dieses Diktum aus den Jugendbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts umfasst die Sehnsucht nach einem freien, autonomen Freizeitraum für junge Menschen. Auf Fahrt gehen und Wandern, Abkochen und Zelten – all diese Alltagspraktiken fanden draußen in Wäldern, auf Wiesen und Feldern in Gemeinschaft mit anderen jungen Menschen statt. Die Besonderheit aber des Naturverständnisses der Arbeiter*innenjugendbewegung: Es war immer auch verkoppelt mit einem politischen Auftrag, einem gesellschaftlichen Anspruch.


Aus grauer Städte [dunklen] Mauern“

Aus grauer Städte dunklen Mauern hinaus ins Licht geht unser Schritt, die Jugend will die Zukunft bauen, komm Bruder her und kämpfe mit!“

So lauten die ersten Zeilen des Liedes „Arbeiterjugend“ (Text: R. Holzinger, Melodie: polnische Weise). Abgedruckt ist es im Liederheft span the world with friendship. Songs für Woodcrafter und Falken, das für den internationalen Falkenstaat 1974 in Schwangau bei Füssen produziert wurde. Aus grauer Städte Mauern galt schon in den Jugendbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts als Motto dafür, seine Freizeit losgelöst von elterlicher oder schulischer Autorität und in freier Natur zu verbringen. Im Unterschied aber zum ursprünglichen Lied, das mit einem klangvollen Halli, hallo, wir fahren daherkommt, hat die Version der Arbeiter*innenjugend eine neue Zielrichtung: Es geht nicht mehr nur um die (vordergründig) unpolitische Stadtflucht und Naturidylle, sondern um die Solidarität unter Arbeiter*innen und ihren gemeinsamen politischen Kampf.

Inhalt (1): Robert Götz: „Wir fahren in die Welt“. Alte und neue Lieder, Bad Godesberg 1960.
Urheber*in:
Robert Götz
Nutzung:
© Voggenreiter Verlag
Quelle:
AAJB, MA 615

Inhalt (2): „span the world with friendship!“ Songs für Woodcrafter und Falken. Falkenstaat Schwangau bei Füssen 1974.
Urheber*in: Woodcraft Folk, Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken
Nutzung: ©
Quelle: AAJB, MA 341


Natur als Freiraum

Zwischen 1933 und 1945 setzte sich die Idealisierung von Natur insbesondere in der nationalsozialistischen Ideologie weiter fort: Natur und Umwelt dienten als völkische Identifikationsräume, das Ländliche wurde romantisiert, bäuerliche Lebensformen überhöht. Die „Blut-und-Boden“-Ideologie verknüpfte die Vorstellung eines einheitlichen Volkskörpers mit einem vermeintlich dazugehörigen Siedlungsgebiet. Das Durchstreifen der Landschaft diente vielfach einem wesentlichen Zweck: der Aneignung der ‚Heimat‘ und Stärkung der Identität.

Anders bei jenen jungen Menschen, die sich dem nationalsozialistischen Einfluss versuchten zu verweigern: Die Edelweißpiraten, Navajos oder Leipziger Meuten, meist aus dem Arbeiter*innenmilieu stammend, suchten und fanden ihre Freiräume in der Natur. Als illegale Wandergruppen durchstreiften sie die Natur in ihrer Freizeit und entzogen sich so staatlichem Einfluss. Nur selten konnte ihnen ihr widerständiges Verhalten nachgewiesen werden, sodass die Natur zu einem Autonomieraum für junge Menschen werden konnte.

Inhalt (1): Kölner und Leverkusener Jugendliche auf einer Rheinkribbe, um 1939/4. Im Hintergrund der Drachenfels. In der Mitte mit Käppi: Hugo Reihn; alle übrigen Personen unbekannt.

Urheber*in: Unbekannt

Nutzung: ©

Quelle: NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln (Giesing 011)

 

Inhalt (2): Graphik aus: Birgit Retzlaff: Arbeiterjugend gegen Hitler. Der Widerstand ehemaliger Angehöriger der Sozialistischen Arbeiterjugendbewegung gegen das Dritte Reich sowohl in der eigenen Organisation als auch in und mit anderen Verbänden aus der Arbeiterbewegung sowie darüber hinaus, Werther in Westfalen 1993, S. 86.

Urheber*in: Birgit Retzlaff

Nutzung: ©

Quelle: AAJB, MB 17181

Wir sind eine kleine verlorene Schar
Wir sind eine kleine verlorene Schar,
wir stehen für uns auf der Welt.
Und jeder Kerl, der mit uns war,
hat für immer sich zu uns gesellt.

Wir leben in Lumpen, wir lieben die Nacht,
unser Zeit heißt immer das Jetzt.
Wir haben die Spießer ängstlich gemacht,
und wir lachen, wenn man uns hetzt.

So ziehen wir weiter durchs Land, durch die Zeit,
wir ändern uns nimmermehr:
lasst uns die Fahne, die Fahrt und das Scheit
und den abgebrochenen Speer.

[…] lasst uns die Fahne, die Fahrt und das Scheit und den abgebrochenen Speer“, so lautet die letzte Zeile des Fahrtenliedes „Wir sind eine kleine verlorene Schar“. Das Widerständige daran: Mit dem Speer ist der Wimpelspeer für Fahnen oder Wimpel gemeint, den viele Gruppen – ob aus der Arbeiter*innenjugend oder der bürgerlichen Jugendbewegung – mit sich trugen und der ihnen während des Nationalsozialismus verboten wurde. Um nicht das von oben angeordnete Hakenkreuzsymbol tragen zu müssen, wurde der Wimpelspeer zerbrochen.

Weiterleitung zu einer externen Seite: https://www.youtube.com/watch?v=JlvDsBpjBbk

Schließ Aug und Ohr
Schließ Aug und Ohr für eine Weil
vor dem Getös der Zeit.
Du heilst es nicht und hast kein Heil,
als wo dein Herz sich weiht.

Dein Amt ist hüten, harren, sehn
im Tag die Ewigkeit.
Du bist schon so im Weltgeschehn
befangen und befreit.

Die Stunde kommt, da man dich braucht.
Dann sei Du ganz bereit.
Und in das Feuer, das verraucht,
wirf dich als letztes Scheit.

Weiterleitung zu einer externen Seite: https://www.youtube.com/watch?v=eobH4IdDCXQ&t=22s


Soziales Wandern

Das Wandern war schon weit vor der Entstehung von Jugendbewegungen ein Mittel der Naturaneignung im bürgerlichen Milieu, während junge Arbeiter*innen insbesondere in wirtschaftlich schwierigen Zeiten auf Wanderschaft neue Arbeitsanstellungen finden wollten. Diese unterschiedliche Nutzung des Wanderns spiegelte sich auch in den historischen Jugendbewegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Während für die bürgerliche Wandervogelbewegung und seine Nachfolger*innen die Natur vor allem ein Raum der Freizeit und Flucht aus der Großstadt war, verband die Arbeiter*innenjugend mit dem Wandern primär das Bedürfnis nach Erholung von den Anstrengungen der Arbeit. Man wanderte aber nicht einfach so durch die Natur, sondern ’sozial‘:

„Was wir heute als ‚soziales Wandern‘ bezeichnen, das Schauen und Lernen beim Wandern, das Sammeln sozialer Einsichten und Erkenntnisse, das war die Seele des echt proletarischen Wanderns in jener ‚guten alten‘ Zeit, da man auszog, um als ‚Hans im Glück‘ irgendwie und irgendwo den ‚goldenen Boden‘ des Handwerks zu entdecken.“

Theodor Hartwig, 1926

Charakterisiert werden kann ‚soziales Wandern‘ als gemeinschaftliche Auseinandersetzung mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen in der durchwanderten Landschaft. Wandern wurde so für junge Arbeiter*innen zu einem Mittel der Bildung, aber auch Solidarisierung im frühen 20. Jahrhundert.

Inhalt: Aufruf in der Zeitschrift „Junge Garde“ (1920/1921).

Urheber*in: Junge Garde

Nutzung: ©

Quelle: AAJB, ZB 10

Vom Wandern.
Auf denn! Und die Sonne zeige
Uns den Weg durch Feld und Hain.
Geht der Tag darob zur Neige,
Leuchtet uns der Sterne Schein.
Bruder, schnall den Rucksack über;
Heute soll’s ins Weite gehen.
Regen? Wind? Wir lachen drüber:
Wir sind jung und das ist schön!“

Jürgen Brand: Wir sind jung, die Welt ist offen (1914)

Mit Hordentopf und Rucksack

Mit Hordentopf und Rucksack ist ein 1951 erschienenes Werk von Erich Lindstaedt (1906–1952), dem ersten Vorsitzenden der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken der Nachkriegszeit. Es handelt sich um eine Zusammenstellung verschiedenster Beiträge zum Wandern, zu Naturkunde und Umwelt, die Lindstaedt für die Verbandszeitschrift „junge gemeinschaft“ verfasst hatte. Zentral waren für Lindstaedt sowohl die praktischen Hinweise für arbeiterjugendbewegte Gruppen auf Fahrt, als auch der pädagogische Anspruch der „Wanderung als Erzieher“.

Die Wanderung verlangt mehr Mittun als der Heimabend. Beim Tragen gemeinsamen Gepäcks, beim Abkochen, beim Holzholen und Zeltbau zeigt es sich, wie weit der Einzelne sich vom Egoismus weg zu solidarischem Handeln hin entwickelt hat.

Erich Lindstaedt: Mit Hordentopf und Rucksack, Bonn 1951.

Die Idee des sozialen Wanderns, wie sie schon in den Anfängen der Arbeiter*innenjugendbewegung von Bedeutung war, findet in diesem kleinen Büchlein ihre Fortsetzung in der Nachkriegszeit.

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Inhalt (1): Erich Lindstaedt bei einer Kanutour an der Weser (1950).

Urheber*in: unbekannt

Nutzung: ©

Quelle: AAJB, Fotosammlung, PH-dig 243

 

Inhalt (2): Erich Lindstaedt: Mit Hordentopf und Rucksack, 3. Aufl, Bonn 1952.

Urheber*in: Erich Lindstaedt

Nutzung: © Verlag schaffende Jugend

Quelle: AAJB, MB 23776


Zeltlager als politische Orte

Seit ihren Anfängen spielte die Natur für die Arbeiter*innenjugendbewegung eine besondere Rolle: als Ort nämlich, an dem die Zeltlager stattfinden konnten! Ein Zeltlager von Kindern und Jugendlichen der Arbeiter*innenjugendbewegung war und ist aber nicht einfach nur eine Möglichkeit, inmitten der Natur zu übernachten und die Freizeit gemeinsam zu verbringen. Die Zeltlagerpädagogik seit den ersten Kinderrepubliken der Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde und der Sozialistischen Arbeiterjugend in den 1920er Jahren umfasst immer auch den Anspruch, einen sozialistischen Gegenentwurf zur bestehenden Gesellschaft auszuprobieren. Die zentralen Grundsätze: Koedukation, Selbstverwaltung, Selbstorganisation.


Berg frei!

„Berg frei!“, so lautet der klassenkämpferische Gruß der Naturfreundejugend, die sich als eigenständiger Kinder- und Jugendverband der Naturfreunde Deutschlands e.V. im Jahre 1926 gründeten. Warum ‚klassenkämpferisch‘? Mit ihrem Gruß forderten Naturfreunde und Naturfreundejugend einen freien Zugang zu den Bergen als Gegenentwurf zu den bürgerlichen und durchaus exklusiven Alpenvereinen, um so auch Arbeiter*innen diese Freizeiträume nicht vorzuenthalten.

Als politischer Verband in der Zeit des Nationalsozialismus verboten, gründeten sich die Naturfreunde und die Naturfreundejugend nach 1945 neu – und arbeiteten weiter an der Verbindung von Umwelt- und Klimaschutz mit einer partizipativen Demokratie. Die Naturfreundejugend zählt zu den im Umwelt- und Klimaschutz wohl engagiertesten Verbänden innerhalb der Arbeiter*innenjugendbewegung und mischt sich seit ihrer Gründung immer wieder aktiv und kreativ in gesellschafts- und klimapolitische Fragen ein, ob nun bei den Ostermärschen der 1960er Jahre oder den aktuellen Klimaprotesten.

Inhalt: Albert Ansmann: Jugend und Natur, 3. Aufl, Wien 1923.

Urheber*in: Albert Ansmann

Nutzung: © Verlag des Touristen-Vereins "Die Naturfreunde"

Quelle: AAJB, BRO A 4785

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