Umweltbildung

Einführung

Upcycling im Kindergarten, Müllsammeln mit dem Jugendverband oder Gärtnern in der Schule – Umweltbildung hat viele Facetten und soll den verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt und den natürlichen Ressourcen vermitteln. In der sozialistischen Arbeiter*innenjugendbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte insbesondere das Wandern zur frühen Umwelterziehung: Die Bewegung an der frischen Luft, Tierbeobachtungen und Pflanzenkunde sollte den Arbeiter*innenkindern und -jugendlichen die Natur näherbringen und Freiräume aufzeigen. Ab den 1970er Jahren rückte durch die Umweltbewegungen die Bedeutung von Umweltbildung dann immer mehr in den gesellschaftlichen Fokus und es entstanden zahlreiche Bildungsmaterialien und Projekte. Wie kann soziale Gerechtigkeit im Umweltschutz aussehen? Welche Rolle spielt der Kapitalismus bei der Umweltzerstörung? Diese und ähnliche Fragen beschäftigten die Arbeiter*innenjugendbewegung dabei besonders. Auf diese Weise verknüpfte sie Umweltbildung mit sozialistischer Erziehung.


Grüne Falken

„Der Rote Falke ist ein Freund und Schützer der Natur“, so formulierte der österreichische Pädagoge Anton Tesarek (1896–1977) einen wichtigen Grundsatz der Falkenbewegung im Jahr 1925. Sein Werk Das Buch der roten Falken wurde zu einem wegweisenden Ratgeber für die sozialistischen Arbeiter*innenjugendverbände, die sich in Deutschland in der Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde und der Sozialistischen Arbeiterjugend organisierten. Die Gruppen der Kinderfreunde bezeichneten sich ab Mitte der 1920er Jahre als „Falken“.

„Wer die Natur liebt und schützen will, muß sie kennen.“ Dieses Credo verfolgten die Falken ab den 1920er Jahren bei ihrer Umweltbildung. So lernten die Kinder und Jugendlichen bei ihren Wanderungen Bäume und Pflanzen zu bestimmen, Tierspuren zu lesen und die Beschaffenheit der Böden zu prüfen, was auch für die Planung von Zeltlagern wichtig war. Dieses Wissen über die Natur sollte die Verantwortung für den Naturschutz stärken. Das Müllsammeln im Wald und auf Wiesen gehörte dabei zu einer zentralen Tätigkeit, so das „Buch der roten Falken“:

„Jeder verantwortliche Rote Falke wird ein bis zwei Sommersonntage dazu verwenden, mit seinen Horden die beliebtesten Ausflugsorte aufzusuchen und dort unauffällig die schmutzigen Abfälle […] sammeln.“

(S. 56)

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Inhalt: Anton Tesarek: Das Buch der Roten Falken, 2. Aufl, Wien 1927.

Urheber*in: Anton Tesarek

Nutzung: © Jungbrunnen

Quelle: AAJB, MB

Inhalt: Eine unbekannte Falkengruppe pflanzt im Rahmen eines Umweltprojektes einen Baum (1987)

Urheber*in: Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken

Nutzung: ©

Quelle: AAJB, CD 369

Diese frühen Formen der Umweltpädagogik wurden in der Gruppenarbeit der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken fortgeführt. Ab Ende der 1960er Jahre politisierte sich dann das Umweltverständnis und der Fokus rückte mehr auf die Vermittlung der Zusammenhänge zwischen Ökonomie und Umwelt. Wenn Falkengruppen in den 1980er Jahren beispielsweise Bäume pflanzten, so machten sie damit aufmerksam auf das Waldsterben – ausgelöst durch Abgase aus Industrie und Verkehr.


Inhalt: Cover der Single "Karl der Käfer" von Gänsehaut, 1983.

Urheber*in: Gänsehaut

Nutzung: © Musikproduktion West/EMI Electrola

Quelle: https://www.ganso.de/allg-vinyl/single/single-ndw/gaensehaut-%E2%80%8E-karl-der-kaefer-1983/

Weiterleitung zu einer externen Seite: https://www.youtube.com/watch?v=4ZoLNDpTadg

Neben Liedern sollten auch Theaterstücke dabei helfen, Umweltthemen kindgerecht zu vermitteln. Theater als pädagogisches Mittel gehörte in der Arbeiter*innenjugendbewegung bereits in den 1920er Jahren mit der Erfindung des roten Kaspers zum Repertoire. In den 1970er Jahren entstanden dann vermehrt Kindertheater, die politische Themen wie Umweltzerstörung auf die Bühne brachten.

Auf genauso kreative und spielerische Weise sollten verschiedene Bildungsmaterialien Kindern und Jugendlichen ein Bewusstsein für die Umwelt vermitteln. So waren beispielsweise Gesellschaftsspiele wie Ökolopoly besonders ab Mitte der 1980er Jahre ein beliebtes Format in der Umweltpädagogik.

Inhalt: Cover von: Gudrun Pausewang: Die Wolke, Büchergilde Gutenberg, 1987.

Urheber*in: Büchergilde Gutenberg

Nutzung:  © Büchergilde Gutenberg

Quelle: https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Gudrun-Pausewang+Die-Wolke-Jetzt-werden-wir-nicht-mehr-sagen-k%C3%B6nnen-wir-h%C3%A4tten-von/id/A02sWUyw01ZZH

Von Umweltsongs und Ökospielen

Was hat ein Käfer mit Umweltbildung zu tun? In dem Lied Karl der Käfer der Kölner Band Gänsehaut von 1983 verliert der Käfer durch eine Waldrodung seinen Lebensraum. Er wurde damit zum Sinnbild der bedrohten Umwelt und das Lied zu einem der bekanntesten Protestsongs der Umweltbewegung der 1980er Jahre.

Musik gehörte zu einem wichtigen Mittel der Umweltbildung, die sich ab den 1970er Jahren zuerst im Rahmen der Umweltbewegungen entwickelte. In Liedern wie Es gibt keine Maikäfer mehr, Mein Freund der Baum und KKW-Nein-Rag wurde die Zerstörung der Natur besungen. Sie fanden Eingang in die Liederbücher der Arbeiter*innenjugendverbände und inspirierten zu eigenen Songs.

Im Gegensatz zu diesen kreativen und spielerischen Methoden stand die drastische Darstellung der Umweltzerstörung in den Jugendromanen von Gudrun Pausewang (1928–2020). In eindringlichen Geschichten warnte sie vor den Risiken der Atomkraft und ihre Bücher wurden zum Weckruf an die Jugend.

Ein Jahr nach der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl veröffentlichte Gudrun Pausewang 1987 ihren Jugendroman Die Wolke. Sie thematisiert darin die Folgen eines Reaktorunfalls. Gegen den Widerstand der regierenden CDU erhielt die Lehrerin und Jugendbuchautorin 1988 den Deutschen Literaturpreis. In einem Interview erläuterte Gudrun Pausewang 2005 ihre Motivation für den Roman:

[…] Noch fünf Minuten vor der ersten Tschernobyl-Katastrophenmeldung in den Medien habe ich nicht im Traum daran gedacht, über dieses Thema zu schreiben. […] Das hat mich sehr bewegt und ging mir unter die Haut. Ich dachte, eigentlich muss man vor einer solchen Katastrophe warnen. […] Ich wollte oder hätte mir gewünscht, es nicht schreiben zu müssen. Ich schreibe lieber über andere Themen als über Katastrophen. Aber leider Gottes sind eben diese Themen oft mit der Gefahr, die von Katastrophen ausgehen, verbunden.“


„Hurra, ein Biotop“

„Hurra, ein Biotop“, so lautete der Titel eines Projektes der Naturfreundejugend Bad Cannstatt im Jahr 1985, bei dem die Jugendlichen gemeinsam einen Teich anlegten. Ob Insektenhotels bauen, Mini-Kläranlagen anlegen oder ein Gemüsebeet pflanzen: Solche praktischen Angebote waren auch in der Arbeiter*innenjugendbewegung beliebte Formate der Umwelterziehung.

Bei Seminaren und Workshops der Arbeiter*innenjugendverbände lag der Fokus mehr auf der Vermittlung von theoretischem Wissen und bot Raum für Diskussionen. Hier wurde über die Verknüpfung von Ökonomie und Umweltzerstörung sowie die Rolle des Umweltschutzes im Sozialismus diskutiert.   

In der Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen spielte der Lebensweltbezug stets eine zentrale Rolle: So veranstaltete die Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken im Sommer 2009 am Chiemsee ein Umweltzeltlager, bei dem die Teilnehmer*innen unter anderem in einem Planspiel die Auswirkungen des Klimawandels erlebten. Neben derartigen Projekten entstanden auch eigene Umweltgruppen in den Jugendverbänden. Die Kinder und Jugendlichen nahmen dabei eine aktive Rolle im Umweltschutz ein und diskutierten ihre Forderungen an die Politik beispielsweise beim ersten natur-Kindergipfel 1991 in Frankfurt am Main. Neben dieser politischen Arbeit appellierten sie bei öffentlichkeitswirksamen Aktionen wie gemeinsamem Müllsammeln für einen nachhaltigeren Umgang mit der Natur.